Das Literaturinstitut
und seine Geschichte

Auszug aus Geschichte
der Universität Leipzig 1409–2009

1955

Das erste Literaturinstitut in Leipzig wurde 1955 gegründet. 1958 erhielt es Hochschulstatus. Im Jahr darauf wurde ihm der Name des ehemaligen Kulturministers der DDR verliehen, sodass fortan vom „Institut für Literatur ‚Johannes R. Becher’“ die Rede war.

In drei Studienrichtungen wurden hier fast 1000 Direkt-, Fern- und Weiterbildungsstudenten ausgebildet. Im Mittelpunkt standen die so genannten „schöpferischen Seminare“ für Lyrik, Prosa und Dramatik.

Der Dichter Georg Maurer (1907-1971), der von 1955 bis 1970 das schöpferische Seminar Lyrik leitete, gilt als einer der wichtigsten Lehrer des Johannes R. Becher-Institutes. Nicht nur damalige Absolventen sind der Meinung, er habe einer ganzen Dichtergeneration wichtige Arbeitsimpulse verliehen. Der Lyriker Bernd Jentzsch schrieb 1971 über Maurer: »Ein zigarrenrauchendes Kind von vierundsechzig Jahren, in dem / die auf den Teppich fallende Asche philosophisch-poetische Blitze zündet.«

Zu den Studenten, die sich später als Schriftsteller einen Namen machten, gehören unter anderen: Heinz Czechowski, Kurt Drawert, Adolf Endler, Ralph Giordano, Kerstin Hensel, Sarah Kirsch, Rainer Kirsch, Uwe Kolbe, Angela Krauß, Joachim Kupsch, Katja Lange-Müller, Erich Loest, Dieter Mucke, Andreas Reimann, Ronald M. Schernikau, Gerti Tetzner, Fred Wander.

1990

Nach der Wende sollte das Literaturinstitut auf Beschluss des Freistaats Sachsen vom 12. Dezember 1990 aufgelöst werden. Daraufhin gab es Proteste von Studenten, namhaften Literaten und Publizisten, unter ihnen Hans Mayer und Walter Jens. Ehemalige Studenten erinnerten sich der Freiräume, die sie am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ genossen hatten. So bezeichnete der Lyriker Bernd Rump das Literaturinstitut nicht »als Kaderschmiede der SED«, sondern als »Schule der Dissidenten«. Angela Krauß nannte es »einen Ort, an dem man frei reden und schreiben konnte«. 1993 erfolgte die Abwicklung des laufenden Lehrbetriebs.

1995

Die Landesregierung musste neu über das Fortbestehen dieser »Schreibschule« nachdenken. Das Johannes R. Becher-Institut wurde in der Folge zwar zunächst aufgelöst, aber als zentrale Einrichtung der Universität Leipzig unter dem Namen »Deutsches Literaturinstitut Leipzig« wieder gegründet. Der Lehrbetrieb wurde 1995 wieder aufgenommen.

Unter dem Motto »Gottsched plus Beuys« setzte der Gründungsdirektor und Lyriker Bernd Jentzsch auf ein Miteinander von Tradition und Moderne. Bernd Jentzsch blieb Direktor bis 1999. Seither wechseln sich die Professoren des Instituts, Josef Haslinger, Michael Lentz und Hans-Ulrich Treichel, alle zwei Jahre in der Position des Direktors ab.

2005

Während der Leipziger Buchmesse feierte das Deutsche Literaturinstitut Leipzig sein 10jähriges Jubiläum mit dem "1. Kongress für Literarisches Schreiben", zu dem sich Lehrende und Lernende von Creative Writing Studiengängen aus ganz Europa und den USA in Leipzig zum Austausch trafen.

seit 2006

Im Zuge der Studienreform wurde der frühere künstlerische Diplom-Studiengang Literatur zum Wintersemester 2006 in einen Bachelor-Studiengang (B.A. Literarisches Schreiben) umgewandelt. Seit dem Wintersemester 2009 bietet das DLL außerdem ein zweijähriges Masterstudium in Form einer Romanwerkstatt an.

2013 bis 2014

Von 2013 bis 2014 erfolgte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig eine erste umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte des Instituts für Literatur „Johannes R. Becher“ im Rahmen des Forschungsprojekts „Literarische Schreibprozesse im Kontext der institutionellen Hochschulausbildung – dargestellt am Beispiel des Instituts für Literatur ‚Johannes R. Becher’ Leipzig“.

seit 2015

Seit 2015 wird am Deutschen Literaturinstitut Leipzig die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte des Instituts für Literatur „Johannes R. Becher“ im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts Das Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ Leipzig (1955-1993). Literarische Schreibprozesse im Spannungsfeld von kulturpolitischer Vereinnahmung, pädagogischem Experimentieren und poetischem Eigensinn. fortgesetzt.